Bericht: Wacken Open Air 2008

Alle Jahre wieder treffen sich Metalfans aus aller Herren Länder in einem kleinen Dorf in Schleswig Holstein. Was 1990 mit 800 Besuchern begann, ist inzwischen das größte Heavy Metal Festival der Welt und für die meisten nicht mehr aus dem Terminkalender wegzudenken. So kamen sie auch in diesem Jahr wieder in Scharen und mit insgesamt 75.000 Metalheads erreichte das Wacken Open Air seine bisher größte Teilnehmerzahl.
Durch unsere um einen Tag verzögerte Ankunft auf dem Festival, verpassten wir leider den Auftritt der fünf Finnen um Sturm und Drang, die bereits am Donnerstag die Party Stage für sich in Anspruch nahmen. Jedoch wurden im Nachhinein Stimmen laut, denen zufolge die Teenieband aus Vaasa für ihr doch recht junges Alter bereits ein beeindruckendes technisches Können vorwies und wer Sturm und Drang bereits live erleben durfte, wird um ihr Talent wissen. Während André & Co. noch dabei sind, sich ihre musikalische Karriere aufzubauen, haben ihre großen Vorbilder von Iron Maiden ihre besten Zeiten inzwischen wohl schon hinter sich. Böse Zungen behaupten, dass die Setlist der Briten, auf welcher beinahe alle Songs älter gewesen sind als die Jungs von Sturm und Drang Lebensjahre zählen, diese These nur unterstützt. Doch was vereint mehr, als eine Menge von über 70.000 Menschen, die generationsübergreifend gemeinsam ihre Stimme zu "Fear of the Dark" erhebt?!

Freitag, 01. August 2008
Zu Hause noch bei schönstem Sonnenschein gestartet, zieht im Nordwesten eine dunkle Wolkenfront auf. Selbst der Himmel scheint sich bei unserer Ankunft der herrschenden Kleiderordnung zu unterwerfen und so hängt er tief schwarz über dem Festivalgelände. Nicht einmal eine Stunde und einen imposanten Wolkenbruch später, strahlt die Sonne jedoch wieder vom Himmel.
Anstelle eines Ortseingangsschildes (diese wurden, wie bereits in den Jahren zuvor, aus Gründen der Diebstahlsicherung im ganzen Dorf entfernt) begrüßt ein quer über die Straße gespanntes Banner die ankommenden Besucher mit den Worten "Welcome Metalheads".
Die rund 150 vom Bürgermeister genehmigten Vorgartenstände der Dorfbevölkerung sind gut besucht und die örtliche Apotheke verkaufte über die Dauer des Festivals mehr als 500 Paar Ohrstöpsel.
Nachdem wir auf unserem Campingplatz angekommen sind, geht es erst einmal direkt weiter auf das eigentliche Festivalgelände, wo gerade die Band Kamelot die True Metal Stage und die Massen vor selbiger zum Beben bringt. Aufgrund des relativ starken Regens ein paar Stunden zuvor, hatten sich auf dem gesamten Areal beachtliche Schlammpfützen gebildet und sauberen Fußes von einem Ende zum anderen zu kommen, glich einem Hindernislauf und wurde quasi unmöglich. Was die meisten Besucher grundsätzlich gar nicht zu stören schien, fanden sich doch auch schnell etliche, die nicht davor zurück schreckten, sich komplett im Matsch zu wälzen.
Leider verpassten wir auch Ensiferum aufgrund unserer unabänderbar verspäteten Ankunft und so begann das diesjährige W:O:A für uns mit Sonata Arctica. Für Fans der Band spielten die Finnen um Tony Kakko sicherlich eine durchweg gelungene Show, die von vielen gespannt verfolgt wurde. Durch 3 große Videowalls war dann selbst der eigene Standpunkt auf dem Gelände nahezu egal, ermöglichten diese doch von überall einen guten Blick auf das Geschehen auf der Bühne.
Direkt im Anschluss sollten dann auch schon Stam1na die Wet Stage in Beschlag nehmen und wer die Band kennt, weiß, dass sie es verstehen, das Publikum zu begeistern. Durch Kaikka's Fußverletzung fiel das Hüfen und Springen, wie man es sonst vom Bassist des Vierers (+ Keyboarder) gewohnt ist, zwar komplett aus, aber so lange man wenigstens noch den Kopf bewegen kann, ist auch das Spielen einer Heavy Metal Show möglich. Mit nur 40 Minuten Stagetime war das Set für eingefleischte Fans selbstständig viel zu kurz, aber dennoch lieferten Stam1na einen soliden und gewohnt guten Auftritt, mit dem sie alle Anwesenden restlos begeistern konnten. Selbst aus Finnland schienen die Fans extra angereist zu sein, um die Gruppe aus Lemi zu sehen, bestand die erste Reihe doch hauptsächlich aus Landesgenossen der Band.

Während Opeth noch spielten, warteten bereits viele Festivalgänger vor der True Metal Stage, um den nunmehr fünften Auftritt von Children of Bodom auf dem W:O:A nicht zu verpassen. Dicht gedrängt wurde die Band um Aleksi Laiho lauthals empfangen. Die Stimmung des Publikums war nahezu euphorisch, was sich jedoch auf unterschiedlichste Weise bemerkbar machte. Während die einen Aleksi's Kraftausdrücke zählten und selbige in alkoholische Trinkspielchen verwandelten, waren andere damit beschäftigt, ihrer aggressiven Grundstimmung in einem unglaublich großen Circle Pit Luft zu machen. Der 90minütige Auftritt der Finnen war für Augen und Ohren ein Genuss. Alte sowie neue Lieder aus ihrem aktuellen Album "Blooddrunk" wurden zum Besten gegeben und die detaillierte Bühnendekoration barg immer wieder neue Highlights. So saß Aleksi zum Beispiel während des einen oder anderen Gitarrensolos auf einem alten Auto oder gab überraschenderweise Mainstream Cover wie Rihanna's "Umbrella" oder van Halen's "Jump" zwischen alten Tonnen, die am Bühnenrand aufgestellt waren und ein gewisses Hinterhof-Feeling vermittelten, zum Besten. Die Freude am Spielen übertrug sich auf die Fans und so ist es nicht verwunderlich, dass laut unterschiedlichster Aussagen die Performance der Band als der wohl beste Auftritt des kompletten Festivals empfunden wurde.

Samstag, 02. August 2008
Mit Machine Men als erster Band des Tages, startete der Festivalsamstag gegen 12 Uhr Mittags relativ zeitig. Doch trotz der frühen Stunde erschien das Publikum zahlreicher als erwartet vor der Partystage. Nicht wenige konnten bei den bekannteren Songs der Gruppe, wie "No talk without the Giant" und "Falling" mitsingen und so endete ihr 45minütiges Set mit dem Lied "Scars and Wounds", welches Sänger Anthony seinem kürzlich verstorbenen Cousin widmete.
Ein paar Stunden später kämpften Before the Dawn auf der Wet Stage mit technischen Problemen. Die blieben von den Fans jedoch weitestgehend unbemerkt und so überzeugten die vier Finnen während ihrer halbstündigen Spielzeit mit Songs wie "Faith" und "Deadsong", trotz des laut eigenen Angaben besonders schlechten Monitorsounds - "The monitor guy was send by Satan."
Bedingt durch das Interview mit Tuomas von Before the Dawn, welches im Zeitplan nach dem Konzert angesetzt war, fanden wir uns erst zu späterer Stunde wieder auf dem Festivalgelände und zur nächsten finnischen Band ein.
Nightwish wurden von uns mit Neugierde erwartet, auch wenn sie eher aus Pflichtgefühl auf der Prioritätenliste standen. Mit neuem Album und neuer Sängerin im Gepäck war wohl die Grundhaltung vieler Festivalbesucher eher zurückhaltend. Dies schien sich auch auf die Spielfreude der Gruppe auszuwirken, vielleicht war es aber auch genau umgekehrt. Die Show wirkte lustlos und somit leider langweilig. Für ein Metal Festival dieser Größenordung erwartet man schon ein bisschen mehr Aktion auf der Bühne. Die gesamte Band vermittelte den Eindruck, komplett deplatziert zu sein und so standen die einzelnen Mitglieder wie festgeklebt auf ihren jeweiligen Positionen. Mit Ausnahme von Sängerin Anette Olzon vielleicht, die mit ihrem manchmal doch zu jugendlich anmutendem Rumgehüpfe versuchte, das Beste aus der Situation zu machen und das Publikum wenigstens in irgendeiner Form zu animieren. Ein Großteil der Fans wird sich wahrscheinlich an Anette gewöhnen, während andere wohl auch weiterhin nicht viel für die Gruppe übrig haben werden. Die eingefleischten Nightwish Anhänger, werden es da wohl sichtlich schwerer haben. Wirkte die Band mit Tarja und ihrer unverkennbaren Opernstimme doch um einiges erwachsener, scheint "die Neue" mit ihrer quitschigen Stimme wohl eher auf jüngeres Publikum zu setzen. Leider wird die Musik dadurch weder besser noch schlechter und hinterlässt als Fazit einen schwachen Auftritt, den man sich getrost vom Zelt aus hätte anhören können.
Als letzte Band des Festivals und mit einer für 2 Uhr morgens angesetzten Stagetime erschienen die Monstermusiker der Gruppe Lordi auf der Bühne. Bei ihren detailreichen Kostümen ist absolut nichts dem Zufall überlassen und so ist von der Kontaktlinse bis in die Fingerspritze alles perfekt durchgestylt, so dass vollkommen berechtigt mehrfach die Frage aufkommt, ob das, was man da sieht nun Realität oder Fiktion ist. Jeder Song bringt etwas Neues mit sich und während eben noch mit einer Kettensäge Marke Eigenkreation der Monitor "durchgesägt" wird, gibt es beim nächsten Lied auch schon einen Mikrophonständer in Axtform als neustes Accessoire zu bestaunen. Dann noch hier und da ein paar gezielte Einsätze von Pyro-Effekten sowie zahlreiche Maskenwechsel des Sängers und die Show ist komplett und der Zuschauer nicht in der Lage seinen Blick auch nur für einen Moment abzuwenden.
Zwar kann man Lordi mit Titeln wie "Who's your Daddy?" und "Hard Rock Halleluja" nicht als musikalische Genies bezeichnen, doch sie liefern eine außerordentlich beeindruckende Bühneshow mit hohem Unterhaltungswert, die man einfach gesehen haben sollte!

Was wir sonst noch zu sagen hätten:
Die Gewinner des an allen drei Tagen ausgetragenen Metal Battle 2008, dem Nachwuchswettbewerb des W:O:A, sind The Fading aus Israel, die sich eindeutig gegen ihre Konkurrenten aus 15 anderen Ländern durchsetzen konnten und somit nun einen Plattenvertrag bei Wackenrecords unterschreiben dürfen. Für das kommende Jahr haben bereits weitere Länder ihr Interesse bekundet, so dass dann voraussichtlich um die 30 Bands in der Schlacht um den Recorddeal an den Start gehen werden.
Außerdem sei an dieser Stelle auch die gesamte Organisation noch einmal lobend zu erwähnen. So funktionierte zumindest für uns alles reibungslos. Und wenn man sich die Liste der Änderungen aufgrund aufgetretener Probleme im Vorjahr ansieht, so wird doch für jeden deutlich, dass die Behebung bis auf kleinere Schwachstellen nahezu perfekt umgesetzt wurde. Ein Festival solchen Ausmaßes zu organisieren und es 75.000 Besuchern gleichzeitig recht zu machen, ist einfach nicht möglich und da stellt sich doch die Frage, ob es wirklich nötig ist, dass die Wahl der verkauften Biersorte bei einigen die Erwägung zur Folge hat, im nächsten Jahr nicht mehr wieder zu kommen...
Leider gab es auch ein paar Irre, die nicht wissen, wo die Grenze ist und die durch ihr wirklich selten dämliches Verhalten andere Besucher in Gefahr brachten. Das Anzünden von Dixis und das anschließende Übergreifen des Feuers auf Zelte und Autos ist kein Kavaliersdelikt! Trefft euch doch bitte im nächsten Jahr mit denen, die aufgrund der falschen Biersorte nicht mehr kommen werden und spielt auf einer anderen Wiese!
Ansonsten verlief das Festival aber wieder gewohnt friedlich und so kümmerte sich einer um den anderen in Situationen, in denen man, bedingt durch eine geringfügig zu hohe Promillezahl, den Weg zu seinem Zelt nicht mehr ganz so leicht fand.
Inzwischen sind bereits die ersten 10.000 Tickets für das kommende Wacken Open Air verkauft, die 600 Reinigungskräfte werden ihre Arbeiten auf dem Gelände inzwischen beendet haben, damit die Wiese nun für ein Jahr wieder Wiese sein kann und so kehrt für die folgenden 360 Tage das altbekannte Dorfleben geprägt durch Ruhe und Beschaulichkeit nach Wacken zurück.
Jedoch nur bis zum nächsten W:O:A, wenn es zum 20. Jubiläum wieder heißt:
Faster, Harder, Louder - Wacken 2009!
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