Bericht: Tammerfest 2007

Wir wollen uns nicht lange an der Hinfahrt und somit an uninteressanten und unverständlichen Dingen aufhalten. Die könnte ich zum einen gar nicht mehr wiedergeben und zum anderen wären alle Unbeteiligten zutiefst verwirrt.
Fakt ist jedenfalls, dass wir nach einer langen und kalten Nacht am Bremer Flughafen irgendwie nach Tampere kamen. Am Flughafen vor Ort wurden wir mit leichtem Regen empfangen - traurige Begrüßung für so eine Prominenz wie uns ;).
Obwohl unsere körperlichen Funktionen auf ein Minimum reduziert waren, schafften wir es, uns in unserer Hotelzimmer zu schleppen und einen ausgiebigen Erholungsschlaf zu vollziehen.
Nach sage und schreibe drei vollen Stunden wertvollen Schlafes, machten wir uns schließlich auf den Weg, um das zu tun, weswegen wir da waren - Konzerte besuchen!
Mittwoch 11. Juli 2007
Den Anfang machten Deep Insight am Mittwoch auf der Vuolteentori - Stage.
Eine wunderschön gelegene Bühne, mit erhöhter Sitz- beziehungsweise Stehgelegenheit für das Publikum.
Bei unserer Ankunft waren Deep Insight bereits kräftig am rocken. Das Publikum schien noch etwas verhalten, was aber vielleicht auch mit der aktuellen Wettersituation zu tun hatte. Es nieselte und die dunklen Wolken am Himmel verhießen nichts Gutes. Nichts desto trotz heizten Deep Insight dem eher spärlich besuchten Platz vor der Bühne mächtig ein.
Kurz vor Ende der Show öffneten sich die Wolken gänzlich und die Band verließ die Fans zwar gut bespaßt, aber allmählich klitschnass in die lange, kalt-nasse Umbaupause zu Negative.
Negative
Laut wurden sie angekündigt und ebenso laut in Empfang genommen. Kein Wunder, dass die Masse begeistert war, immerhin war dies ein Heimspiel für Negative.
Der graue Himmel und der kalte Regen waren nicht mehr ganz so schlimm, als die Jungs in ihren gewohnt bunten Outfits auf die Bühne kamen und von Anfang bis Ende, ihrem Publikum Freude und Hysterie ähnliche Kreischanfälle bescherten.
Jonne fungierte wie eh und je als unfotografierbarer Gummiball, während seine Bandkollegen cool wie immer ihre Instrumente bedienten und wenigstens etwas von der Ruhe ausstrahlten, die Jonne teilweise so gut gebrauchen konnte.
Ihr Set war gut gemischt - alte Lieder wie "Moment of our love" und "My My, hey hey" oder neuere Stücke wie "Swans" wurden uns um unsere Ohren geschmettert. Wer Glück hatte, konnte eine der vielen Rosen, die der Sir und Co in die Menge warfen, ergattern. Zu "Planet of the Sun" begann Larry, ganze Blumensträuße in das Publikum zu werfen. Spätestens da stellte ich mir die Frage, ob die Band eine eigene Rosenfarm besaß oder zumindest ein lukratives Abkommen mit einem Blumenladen abgeschlossen hatte?! Nun, die Frage blieb bis auf weiteres unbeantwortet und notierte sich quasi von selbst auf die lange Liste der "unmöglichsten Interviewfragen".
Gegen Ende ihrer anderthalb stündigen Show, hatten Negative wohl auch die Regenwolken so sehr gerockt, dass sich diese verzogen und zumindest etwas Chance zum Trocknen ließen.
Jonnes Stimme versagte bei "Until you´re mine" und war, wie die Rosen in den Händen der kreischenden Mädchen, nicht mehr aufzufinden.
Abschließend bleibt zu sagen, dass dieses Negative Konzert trotz des Wetters ein Gutes war. Nichts wirklich Neues im Ablauf, aber man sah, dass die Band Freude am Spielen hatte. Soviel Freude, dass Jonne bei "Misty Morning" begann, Larry mit Flaschen zu bewerfen.
Poets of the Fall, Keskustori teltta
Große, stickige Partyzelte kennt man sonst nur von irgendwelchen feucht-fröhlichen Schützenfesten in der Heimat. Als wir diese Location betraten, war es auch fast so wie auf einem. Schwüle, nach Bier müffelnde Luft, angetrunkene und wankende Menschen. Eines war jedoch anders: Man drängte sich nicht um den Bierausschank (jedenfalls nicht ausschließlich), sondern vor die Bühne, auf der die selbst ernannten Poeten bald stehen sollten.
Das Publikum war, anders als bei Deep Insight oder Negative, wesentlich älter und bunter gemischt. Ein gutes Zeichen für die Band.
Die Bühne war nicht unbedingt das Highlight auf dem Tammerfest, aber die Stimmung war mit die beste, die wir erleben durften.
Bei "Gravity" wurde das Publikum dazu animiert, die Arme zu schwenken und tat es sogar. Ob dies eine Einleitung auf das folgende Lied sein sollte, bleibt ungewiss. Erst alle die Arme schwenken und dann ein Lied selber singen? Funktioniert hat dies jedenfalls bei "Late Goodbye" hervorragend und selbst die, die Poets of the Fall nicht sonderlich spannend fanden, dürften bei diesem Lied eine dicke Gänsehaut gehabt haben.
Zum Ende wurde es noch ein wenig ruhiger und Olli machte es sich mit seiner Akustikgitarre auf einem Hocker gemütlich, um mit den eigenen Bandkollegen ein tolles "Carnival of Rust" zu präsentieren und somit das Ende des Konzertes einzuläuten. Zu diesem Zeitpunkt war selbst ich hin und weg, auch wenn es auf Grund meiner Verfassung nicht so den Anschein erweckt haben mag.
Donnerstag 12. Juli 2007
Bullet Ride, Veturipuisto
Mangelnde Lichteffekte durch noch nicht bediente Beleuchtung: Mag es an der Helligkeit, an der Uhrzeit oder am Status der Band gelegen haben, aber die Dorffestbühne aus weißer Plane ähnlich einem 20 € Festivalpavillon ließ nicht wirklich Stimmung aufkommen.
Zusätzlicher Kritikpunkt war die Höhe der Bühne, bei der auch noch die Hecke zum Publikum zusätzliche Distanz schuf.
Schön, dass man den Konzerten hier aus der angrenzenden Bar folgen konnte, aber eigentlich war genau das ein Stimmungskiller. Ein um 90 Grad versetzter Aufbau der Bühne hätte wohl mehr Publikum vor diese gelockt und für bessere Stimmung gesorgt.
Dennoch ließen Bullet Ride es sich nicht nehmen, ihr bestes zu geben und dem noch nicht so zahlreich erschienen Publikum das erste Konzert des Tages zu bieten.
Day Eleven hatten mit dem gleichen Problem der ungünstigen Location zu kämpfen. Vor der Bühne fand sich kaum Publikum ein, dafür hielten sich die Leute in der Sonne auf der Terrasse der Bar auf und betrachteten die stimmungsvolle Show auf der Bühne, bei der mit fortlaufender Dauer mehr und mehr die Post abging. Aus unerklärlichen Gründen setzt unser Erinnerungsvermögen hier leider aus, aber eins ist gewiss: wir hatten unheimlich viel Spaß bei Day Eleven, die eine tolle Show boten.
Amadeus
Jeden Abend hieß die Music Bar Amadeus die Festivalbesucher mit Coverbands willkommen. Den Auftakt machten Rag Doll mit einem Aerosmith Cover Konzert. Rag Doll sind Jony, Anthon und Vince von White Flame und Klaus und Antti L. von Bullet Ride. Und dass es für diese Jungs das Größte war, ihre Helden zu covern, konnte ein "ausverkauftes" Haus gut erkennen.
Inferno
Gleich vor weg: dies war ein böser Tag, der mich und (höchstwahrscheinlich) auch meine einzige Begleitung an diesem Abend, nachhaltig beeinflusste.
Nach ersten Schwächeanzeichen machten wir uns auf den Weg ins Inferno. Ein kleiner, fast unscheinbarer Club, der es aber in sich hatte. Dunkle Wände und eine eindrucksvolle Bar-Dekoration in Form eines überdimensionalen Totenkopfes. Doch wir waren nicht da, um diese Dekoration zu bewundern, sondern um zu Arbeiten.
Nitrokiss bescherte uns auch bald die Gelegenheit dazu. Der Club war immer noch nicht gefüllt, nicht einmal annähernd. Hier und da standen vereinzelt ein paar Leute vor der Bühne. Hoch gerechnet wahrscheinlich an die zehn. Der Platz zwischen erster Reihe und Bühne war so riesig, dass wir uns bequem unsere so sehr gewünschten Hängematten hätten aufbauen können, ohne jemanden zu stören.
Doch Nitrokiss kann man schlecht im Liegen bewundern. Die Band hat ein tolles, kleines (fast schon intimes) Konzert gegeben und nahezu keine Wünsche offen gelassen. Definitiv für mich ein Highlight des Festivals! Das einzige Manko an der Sache war der wenige Platz für die Musiker auf der Bühne. Zeitweise standen sie sich gegenseitig im Weg und machten es uns fast unmöglich ein einzelnes Bild von ihnen zu schießen, ohne diverse Körperteile der anderen oder Stücke der Instrumente mit im Bild zu haben. Dennoch, sollte man sich Nitrokiss angucken, wenn man die Chance dazu hat.
Sara
Nach kurzer Ab -und Umbauspause von Nitrokiss, kamen Sara auf die Bühne. Ob es Absicht war, die Bühnenbeleuchtung für diesen Auftritt auf ein Minimum zu reduzieren? Zum Sound von Sara durchaus passend, dennoch ist es quasi unmöglich unter diesen Bedingungen anständig zu arbeiten!
Das Inferno war inzwischen proppen voll! Wo kamen die Menschen auf einmal alle her? Bis auf eine kleine, freie Strecke vor der Bühne - gerade breit genug, um sich geblendet von dem weißen, grellen Licht von der Bühne in dunklere Bereiche zurück zu verkriechen.
Da standen wir nach kurzer Zeit auch und erholten unsere geblendeten Augen und husteten den beißenden Bühnennebel aus unseren malträtierten Lungen. Wir betrachteten die Band von hinten und standen quasi im "Backstagebereich", wenn man davon ausgehen würde, dass das Inferno für so etwas groß genug wäre.
Es war laut - wir somit taub (blind und halb erstickt noch dazu), doch die dicht gedrängten Menschen vor der Bühne hatten ihren Spaß und zeigten dies zur Freude der Band auch.
Freitag 13. Juli 2007
White Flame, Veturipuisto mussten mit deutlicher Verspätung anfangen, da der Himmel pünktlich um 15.30 Uhr seine Pforten so sehr öffnete, dass man ansonsten weg geschwommen wäre. Vielen Dank an dieser Stelle für die Rücksichtnahme - wohl auch im eigenen Interesse der Band, wollten sie doch sicher nicht, dass ihr Publikum fluchtartig den Platz verlassen hätte! Denn alles aus dem K18 Bereich flüchtete sich ins Ruma. Nur die hart gesottenen Mädels, die tapfer ihre erste Reihe verteidigen wollten, harrten aus. (Wohin hätten sie auch gesollt?) Nachdem der Regen -kurz aber heftig- aufgehört hatte, öffnete sich der Hintereingang und eine Gruppe Trommler mit riesiger weiblicher Gefolgschaft wurde eingelassen. Der Platz vor der Bühne war jetzt richtig gut gefüllt und das Konzert konnte beginnen.
Das Programm war abwechslungsreich von Balladen bis zu den richtig rockigen Stücken. Auch der Nummer 1 Hit "Kill the Radio" durfte nicht fehlen. Vince als geborener Entertainer hüpfte wie ein Flummi über die Bühne - ein wahres Energiebündel. Daneben verblassten die Aktivitäten der anderen ein wenig - was aber nicht heißen soll, dass sie still standen oder keine gute Show lieferten. Ein gutes Konzert und viel Spaß für Band und Publikum!
Zur zweiten Band des Nachmittags / frühen Abends Renoise ist leider nicht so viel zu sagen, da wir kurz vor Beginn des Konzertes unseren knurrenden Mägen nachgaben und einen Abstecher in unser Lieblingsrestaurant machten, um rechtzeitig kurz vor Ende des Konzertes wieder zu erscheinen.
Sturm und Drang
Zugegeben, man hat einige Vorurteile und Bedenken wenn eine Band spielt, deren Mitglieder noch nicht volljährig sind. Man kennt das ja von einheimischen Bands in diesem Alter. Was das Alter des Publikums betraf, waren diese Bedenken durchaus berechtigt. Unglaublich, wie alt man sich auf einmal fühlt, OBWOHL man Bier trinkend im K-18 Bereich steht.
Wie dem auch sei, wir gaben der Band eine Chance! So verließen wir unseren Sitzplatz im Inneren des Rumas und schlichen uns angeheitert an die frische Luft. Die Jungs von Sturm und Drang nutzten sogleich die ihnen gegebene Gelegenheit und fegten über die Bühne. Ich als "älteres" Semester war durchaus positiv überrascht. Klar fehlte es der Band an Erfahrung im Umgang mit den Fans und der Interaktion untereinander, aber sie lernten ja noch "zu rocken", was sie ja so treffend mit dem Titel Ihres Albums anmerkten.
Widmeten wir uns also einmal kurz, anstatt unserer Biere, dem Geschehen auf der Bühne: Sänger und Gitarrist André vollzog seinen Job bereits so souverän, dass ich mich still fragte, was er wohl in 10 Jahren sein könnte.
Die kreischenden Mädchen vor der Hecke waren jedenfalls begeistert. Sogar die ganz Kleinen auf Papas Schulter gingen ab wie Schmidts Katze! Direkt daneben springende und Luftgitarre spielende Erwachsene... ein göttliches Bild, was einem zeitweise die Konzentration nahm. Doch dies sprach für die Band!
Synchronisierte Headbanger-Einlagen von den beiden Gitarristen leiteten allmählich das visuelle Ende des Konzertes ein. Das Publikum war hingerissen und man konnte erahnen, was später am Zaun hinter der Bühne vonstatten gehen würde.
Denn genau an dieser Stelle war der Andrang um White Flame Sänger Vince und Renoise Bassist Chris schon riesig, als wir versuchten, uns zum Backstage Eingang und unserem Interviewtermin mit Sturm und Drang durchzuschlängeln.
Samstag 14. Juli 2007
Kengurumeininki, Vuolteentori - Stage
Eröffnet wurde die Bühne am Abschlusstag bereits am frühen Nachmittag von einer ganz besonderen Band: Kengurumeininki; und einem besonderen Publikum, welches in der Regel nicht groß genug war, um über die Absperrung sehen zu können. Allerdings ließen sich weder Band noch Zuschauer von diesem Umstand abhalten, das beste Konzert des Tammerfestes gemeinsam zu bestreiten. Von Metallica zu AC/DC wurde alles dargebracht, was Kengurus und Indianer bieten und betanzen können - und auch klassische Rock'n'Roll Showeinlagen durften nicht fehlen, denn ein Drumpodest ist ein herrliches Sprungbrett.
Für die, die es nicht wissen sollten: Kengurumeininki ist eine Band für Kinder - und sie verstehen es, ihr Publikum zu begeistern… auch wenn man schon ein wenig älter ist.
Essentia, Veturipuisto
Um die Zeit zwischen den Kengurus und Bloodpit zu verkürzen, entschloss ich mich, einen Abstecher zu Essentia zu machen, die meine Freundin so lobte.
Dort folgte der Schock, denn die Hecke schien den Andrang bei Sturm und Drang am Vortag nicht glücklich überstanden zu haben. Um die letzten Reste nicht auch noch zu beschädigen, war ein Bauzaun aufgebaut worden, was die ohnehin schon schlechte Location sichttechnisch nicht verbesserte.
Dennoch ließen die Jungs von Essentia es sich nicht nehmen, für das trotz freiem Eintritt nicht wirklich zahlreiche Publikum zu rocken, auch wenn Stammgitarrist Sammy ersetzt werden musste.
Mich persönlich konnte Essentia nicht überzeugen, sie waren mir einfach zu trashig.
Bloodpit, Vuolteentori - Stage
Bloodpit war nicht das, was man sich als klassischen Opener für The 69 Eyes vorstellen würde, zogen doch die Bands grundsätzlich verschiedenes Publikum an. Dennoch war der Hang am Tammerkoski bereits recht gut gefüllt, als Bloodpit mit "Born a Whore" losrockten. Besonderes Highlight des Konzertes war für mich mein Favorit "Out to find you", der auf meinen beiden zuletzt besuchten Konzerten nicht gespielt wurde und mich nun hier besonders positiv überraschte.
Kein Halten war mehr im Publikum, als Sänger Matthau bei "Autumn" von der Bühne in den Fotograben sprang und den Mädchen in der ersten Reihe die Hand gab. Ein Glück hatten wir älteren Semester Ohrstöpsel dabei! Zum Ende dieses Konzertes, was wohl das letzte vollständige für einen längeren Zeitraum oder sogar für immer war (was jedoch noch niemand ahnte), sprang Bassist Alexi mit vollem Schwung in das Drumset und zerstörte es.
Unser letztes Konzert des diesjährigen Tammerfestes sollten The 69 Eyes sein. Dass Alter nur auf dem Papier (und vielleicht in Gesichtern) existiert, bewiesen die Helsinki Vampires wieder einmal beeindruckend mit ihrem aus den letzten Alben gemischten Set. Sie rocken immer noch - oder auch mehr denn je, und das vor ausverkauftem "Haus". Lange nicht so kreisch-, aber dafür mindestens ebenso tanz- und sangesfreudig feierte das Publikum die fünf Dark-Glam-Rocker aus der finnischen Hauptstadt. Und ebenso sollte unsere Party ein Ende finden… mit einem guten Abschluss!
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