Bericht: M`era Luna 2007

Sonne macht albern. Regen macht nass. Dass man auf einem Festival lieber albern ist als nass, sah auch das Wetter ein und machte den knapp 20.000 Besuchern des diesjährigen M'era Luna keinen Strich durch die Rechnung. Im Gegenteil: ein Großteil der Besucher, die normalerweise eher eine noble Blässe bevorzugen, werden mit einem heftigen Sonnenbrand nach Hause gekommen sein. Und dass schwarze Kleidung bei strahlendem Sonnenschein Probleme mit sich bringt und nicht immer die beste Wahl ist, dürften wohl alle am eigenen Leib gespürt haben.

Da Bloodpits Gig aus bekannten Gründen abgesagt wurde, begann das Festival für uns nun also mit Jesus On Extasy, die ja bereits Anfang des Jahres durch Deutschland tourten und längst kein Geheimtipp mehr sind. Im Anschluss hieß es: Zeltplatz suchen, Sachen aus dem Auto laden und Nachtlager aufschlagen, denn es stand schon der nächste Programmpunkt auf dem Zettel.
Zurück auf dem Gelände ging es auf direktem Weg in den Hangar, wo nun Animal Alpha aus Norwegen spielen sollten. Da wir uns bereits live von den Qualitäten der Band überzeugen konnten, freuten wir uns umso mehr auf ihren Auftritt beim M'era Luna. Die Überraschung war groß als nicht Animal Alpha sondern Pain im Hangar auf der Bühne standen, waren diese doch im Zeitplan erst danach angesetzt. Durch Bloodpits Ausfall hatten sich die Zeiten verschoben und zu Recht kam bei uns der Gedanke auf, dass man wenigstens die "Presse" darüber hätte in Kenntnis setzen können. Noch immer in dem Glauben, wir hätten Animal Alpha ganz und Pain halb verpasst, sahen wir uns den Rest der Show der Schweden um Peter Tägtgren an. Später stellte sich heraus, dass Animal Alpha auf dem Weg zum Festival irgendwie "verloren" gegangen waren und man keinen Kontakt zur Band mehr herstellen konnte. (Noch viel später kamen dann die wahren Gründe ans Tageslicht: ein falsch eingestelltes Navi lotste die Norweger nach Thüringen anstatt nach Niedersachen. Dumm gelaufen.)
Als Covenant auf der Main Stage spielten, verfielen wir in einen spontanen Kaufrausch an den zahlreichen Ständen auf dem Festivalgelände und fanden uns pünktlich zum Auftritt von Dir En Grey wieder vor der Bühne ein. Mit einem beeindruckenden Drumset und einer guten Performance überzeugten die Japaner alle von ihrem Können und rockten bei gefühlten 30°C im Schatten das Publikum.
Nach einem kurzen Abstecher in den Hangar zu Emilie Autumn, ging es auch schon wieder raus zur Main Stage. Zum einen, weil die Luft im Hangar langsam immer unerträglicher wurde und zum anderen, weil es jetzt Zeit war für Schandmaul. Das bayrische Sextett beehrte das Festival zum nunmehr vierten Mal und zählte zu den diesjährigen Highlights. Mit Dudelsack und Mittelalterkostümierung begeisterten sie die Fans und boten für den Rest wenigstens eine angenehme Hintergrundbeschallung. Im Anschluss trauten wir uns noch ein letztes Mal in den Hangar, um ein paar Lieder lang den Klängen von My Dying Bride zu lauschen, bevor wir wieder nach draußen zum Auftritt der Elektro-Band And One gingen. Ab jetzt begann das eigentliche Warten auf unser persönliches Line-Up Highlight. Von uns bereits 2006 live erlebt und für herausragend gut befunden, waren sie für das M'era Luna in diesem Jahr als einer der Headliner angekündigt. Die Rede ist von der amerikanischen Progressive Rock Legende Tool.
Diese Band dürfte die diesjährigen Besucher des M'era Lunas wohl in zwei Lager geteilt haben. Schon vor Festivalbeginn waren skeptische Stimmen zu hören die anzweifelten, dass Tool als einer der Headliner eine sonderlich gute Wahl war. Dennoch füllte sich der Platz vor der Main Stage allmählich immer mehr und die gespannte, fast knisternde Stimmung ging selbst an denen nicht spurlos vorbei, die mit der Band und ihrer Musik nicht recht etwas anfangen konnten.
Es folgte eine 75 minütige Show, in der die Band eine gute Mischung aus ihren bisher veröffentlichten Alben spielte. Gänsehaut ist unvermeidbar, wenn so großartige Musiker alles aus ihren Instrumenten herausholen. Selbst die visuellen Effekte in Form von Videos auf einer Leinwand oder grüner Laserstrahlen während der letzten zwei Lieder, die von der Bühne zum Tontower und zurück durch die Nacht strahlten, trugen zu einer besonderen Stimmung bei.
Ein weiteres Mal beeindruckt von solch einer Show und dem Können der Band, suchten wir auf wackeligen Beinen unseren Weg zum Zelt, um den ersten Tag hinreichend erschöpft ausklingen zu lassen.

Tag zwei auf dem M'era Luna begann für uns schon vor dem Aufstehen. Viel zu früh war die Luft im Zeltinneren unerträglich und angenehmes Schlafen somit quasi unmöglich. Ein Blick in den Spiegel war Grund genug, um getarnt mit Hut und Sonnenbrille den Weg zur Main Stage zu anzutreten. Big Boy war erster Tagesordnungspunkt und so hatten wir uns selbst keine andere Wahl gelassen, als zu so früher Stunde unsere Neugierde zu befriedigen. Allerdings sind zu so einer Zeit in Latexhosen gekleidete Frontmänner äußerst gewöhnungsbedürftig, so dass wir uns bereits nach vier Liedern wieder auf den Rückweg machten.
Nach einer dringend benötigten Wiederherstellungsprozedur unseres Erscheinungsbildes begannen wir langsam unser Hab und Gut zurück zum Auto zu schaffen. Da unser Zeitplan an diesem viel zu hitzigen Sommertag allerdings straff gestaltet war, beschlossen wir den Zeltabbau aufzuschieben.
Lacrimas Profundere spielten bereits auf der Main Stage als wir erneut auf dem Gelände einkehrten. Da die Band um Sänger Christopher dem eigentlichen Grund unseren Besuches auf dem M'era Luna allerdings viel zu nahe kam - ähneln sie den 69 Eyes gesanglich doch sehr - entschieden wir uns für eine erneute Shoppingtour durch die stickigen Stände und Zelte.
Die Sonne schien erbarmungslos vom Himmel und erste Anzeichen von gefährlich roter Haut zierten nicht nur unsere Schultern, sondern auch die der anderen Besucher. Gefühlte fünfunddreißig Grad im Schatten ließen uns vor dem hoffnungslos überfüllten Hanger zurückschrecken. Stattdessen warteten wir, während The Crüxshadows auf der Bühne ihr Bestes gaben, auf unseren persönlichen Hauptact des Tages. Begleitet von elektrischen Violinen, tollen Gitarrenriffs und der angenehmen Stimme von Sänger Rogue verging die Zeit bis zu The 69 Eyes fast wie im Fluge.
Der Platz vor der Hauptbühne füllte sich recht früh, doch wie sich die Fans, die bereits seit elf Uhr morgens in der ersten Reihe ausharrten, fühlen mochten, wollten wir uns besser nicht vorstellen. Alte Bekannte die wir sichteten, machten das Warten in der unerträglichen Sonne für uns um einiges leichter und erfreulicher. Dann war es endlich soweit, die ersten Klänge vom Intro waren zu hören und die Combo um Sänger Jyrki startete ihre einstündige Show mit "Devils" von ihrem gleichnamigen Album. Die Stimmung im Publikum war gut und Jyrki ließ sich bei "Feel Berlin" dazu hinreißen, halb von der Bühne zu klettern, um dann nach dem Lied gemeinsam mit dem Publikum herauszufinden, wie oft die Band denn nun bereits auf dem M'era Luna gespielt hatte. Er sinnierte ein Weilchen über diese Frage und zögerlich gegebene Antworten aus den Reihen der Besucher machten nicht so ganz klar, ob dies nun der vierte oder fünfte Auftritt war. Jyrki beschloss letztendlich, dass es sich um das vierte Konzert der Band in der Geschichte des M'era Luna handele und warf ganz nebenbei die Frage ein, ob es ein gutes Zeichen sei, dass der vierte (laut Programmheft allerdings der fünfte) Auftritt auf dem Festival der erste ohne Regen ist...
Nach diesem kurzen Plausch mit dem Publikum war "The Chair" das nächste Lied und der erste Stick von Jussi fand seinen Weg in die Massen.
Die Fans vor der Bühne waren begeistert, die Reihen etwas weiter hinten jedoch verhaltener. Allerdings mag dies eher an dem Wetter gelegen haben, als an der Darbietung auf der Bühne. Es folgen "Wings & Hearts" und "Sister of Charity", ehe Jyrki mit "It canīt rain all the time!" schließlich "Brandon Lee" ankündigte. Leider störte ein mittelschweres Tonproblem in Form eines quälenden Quietschens den Refrain. Doch dieses Problem war schnell behoben und tat der Stimmung auf und vor der Bühne keinen Abbruch. Jryki schien nun übermütig zu werden und flog nach - oder vielleicht wegen - einer kurzen "gesanglichen" Kreischeinlage von Jussi halb in dessen Drumset. Bei "Perfect Skin" wurde Jyrki endlich auch von seinem Publikum gesanglich unterstützt. So etwas hat wirklich gefehlt, um die Stimmung noch weiter anzuheben.
"Itīs getting fucking hot, whoīs gonna rescue me?!" war eine durchaus berechtigte, aber dennoch zu spät gestellte Frage. Die Sonne verlor nämlich langsam aber sicher an Kraft und es wurde auch ohne Schattenplatz allmählich angenehmer. Durch Animationsversuche mit "Do you wanna rock!"-Rufen gelang es Jyrki vor dem letzten Lied "Lost Boys" nun endgültig, das gesamte Publikum auf seine Seite zu ziehen und der große Showdown konnte beginnen.
Auf und vor der Bühne überschlugen sich die Ereignisse nun fast. Viele Hände bewegten sich fröhlich zum Takt und auch hier war natürlich wieder Textsicherheit auf beiden Seiten gegeben. Erstaunlich, dass die Finnlandflagge im Publikum nicht ehr auftauchte und dass erst jetzt erste ohnmächtige Mädchen durch den Graben zu den Sanitätern getragen werden mussten. Wen wunderte es? Jussi prügelte zum Abschluss regelrecht auf seine Drums ein und lies sich auch von Jyrki und seinem Mikrophonständer - der inzwischen in die Richtung der Drums flog - nicht beirren. Jyrki entdeckte hier wohl seine Leidenschaft zum werfen neu und fingert an seinem schweren Gürtel herum, der dann in hohem Bogen in die Massen flog. Ein Glück wurde dabei niemand verletzt. Mit diesem besonderen Geschenk verließ die Band die Bühne. Nur Rampensau Jussi benötigte noch eine extra Portion Fanliebe! Er verabschiedete sich an jeder Seite der Bühne brav und kippte sich zur Abkühlung - oder um weitere Ohnmachtsanfälle der Mädchen zu provozieren - den Inhalt einer Wasserflasche in seine weiße Hose. Unter lautem Applaus verschwand auch er und die Fans zerstreuten sich auf wackeligen Beinen.
Bleibt also abschließend zu sagen, dass das Konzert der 69 Eyes auf jeden Fall ein gutes war, wenn es auch in dieser einen Stunde leider nichts außergewöhnlich Neues dargeboten und zu erleben gab. Dennoch konnte man sehen, dass die Band sichtlich ihren Spaß auf der Bühne hatte und es verstand, diese Stimmung auch auf das Publikum zu übertragen.
Setlist der 69 Eyes:
1. Devils
2. Never say die
3. Dance dīamour
4. Feel Berlin
5. The chair
6. Wings & hearts
7. Sister of charity
8. Brandon Lee
9. Perfect skin
10. Lost boys
1. Devils
2. Never say die
3. Dance dīamour
4. Feel Berlin
5. The chair
6. Wings & hearts
7. Sister of charity
8. Brandon Lee
9. Perfect skin
10. Lost boys

Ein Großteil der Zuschauer hatte zumindest seinen Spaß und diejenigen, die nicht ganz so begeistert schienen, warteten wohl auf ihr persönliches - eher ruhigeres Highlight des Festivals. Deine Lakaien unterstützt von der neuen Philharmonie Frankfurt war auch unser letztes und gespannt erwartetes Highlight, ehe unsere Rückreise anstand. Der Anblick des Orchesters war ein beeindruckender, doch leider war der Ton miserabel eingestellt und die Klänge aus dem Hangar übertönten die leisen Streichinstrumente um ein Vielfaches. Schade, wenn man einen Gitarristen sieht, ihn aber nicht hört. Dies war wohl auch einer der Gründe, warum wir es uns bei unserer letzten Band an diesem Wochenende auf dem Boden gemütlich machten und diese besondere Art von Konzert eher als nette Nebenbeschallung - wobei Beschallung reichlich übertrieben ist - verfolgten.
Nach einem gelungenen Festival mit den richtigen Leuten, passendem Wetter und doch einigen guten Liveacts (in einem leider viel zu elektronischen Line-Up), verließen wir Hildesheim und freuen uns im nächsten Jahr auf ein hoffentliches Wiedersehen. Bis dahin meiden wir Sonne und Regen, denn beides macht entweder traurig oder trocken - oder wie war das?
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