Konzert: The Sisters Of Mercy


Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie ich auf dem ersten Festival meines Lebens, dem M'era Luna 2002, mit einer Freundin knietief im Schlamm steckte: Es hatte in Strömen gegossen, unser Zelt war vollkommen hinüber, wir waren nass bis auf die Knochen und zitternd vor Kälte blieb uns in der Situation nichts anderes übrig, als uns den Headliner des Tages, The Sisters Of Mercy, anzusehen. Na ja, "sehen": Außer Nebel gab es da eigentlich gar nichts zu sehen. Fast schon ein wenig entsetzt fragten wir uns damals, warum diese Band als der ultimative Gothic-Act gilt...
Nur acht Monate später - und mittlerweile im stolzen Besitz des Best Of-Albums "A Slight Case Of Overbombing" - fand ich mich auf einem Konzert ihrer "Smoke And Mirrors"-Tour wieder, wenn auch nicht ihretwegen, sondern wegen ihres Support-Acts Sulpher. Entgegen dem Namen der Tour überraschte uns der Main-Act dann aber mit wenig Nebel und einer großartigen Show. Hinter Nebel brauchte sich Herr Eldritch diesmal aber auch nicht zu verstecken, hatte man sämtlichen Konzertbesuchern doch schon am Eingang die Fotoapparate abgenommen. Handys mit Kamerafunktion, youtube & Co. waren da noch Zukunftsmusik...

Nun, über acht Jahre später, gönnte ich mir nach dem Motto "Alle guten Dinge sind drei" mein erstes The Sisters Of Mercy-Konzert in Finnland, wohl wissend, dass die Show zwischen "grottig" und "grandios" alles sein konnte... Zunächst einmal waren wir aber beeindruckt, über welch eine treue Fangemeinde die Sisters verfügen und das bezieht sich nicht nur auf das Alter der Fans und die vielen Tattoos des "Merciful Release"-Logos im Publikum als vielmehr auf die Tatsache, dass die Anhänger aus ganz Europa angereist kamen, allen voran aus dem Nachbarland Schweden. Dieses wird im Rahmen der "30th Anniversary Tour" aber auch erst im November 2011 beehrt...

Los ging es mit einer ziemlich stylischen, in blau gehaltenen Lichtshow, zu der Andrew Eldritch und seine zwei aktuellen Gitarristen die Bühne betraten. Bass und Drums kommen aus der mit "Doktor Avalanche" benannten Konserve. Mit "Ribbons" wurde erstmal ein Song aus dem bislang letzten Studio-Album "Vision Thing" gespielt - und dessen Release liegt mittlerweile sage und schreibe über 20 Jahre zurück!

Warum die Dinge so sind, wie sie eben sind, darüber ranken sich zahlreiche Mythen, angefangen bei "Andrew Eldritch war mit seiner damaligen Plattenfirma nicht zufrieden und wollte für jene auch nichts mehr veröffentlichen" bis hin zu "Andrew Eldritch möchte generell nichts auf einem Indie-Label veröffentlichen und verlangt einen Vorschuss von mehreren Millionen US-Dollar, bevor er etwas aufnimmt". Die Wahrheit wird irgendwo dazwischen liegen. Fragt sich nur, ob ihm für neue Veröffentlichungen auch sein eigens Label "Merciful Release" zu indie ist...
Überhaupt scheint der sagenumwobene Andrew Eldritch ein Zeitgenosse für sich zu sein. So erschien er heute in einem neongelben Poloshirt mit einem ebenso leuchtend orangefarbenen Kragen, wohl um einmal mehr zu betonen, dass er respektive The Sisters Of Mercy nichts mit Gothic zu tun haben (wollen) und sich von dieser Szene distanzieren. Dabei gehört seine ihm so treu ergebene Anhängerschar zu eben jener Szene. Seine eigenen langen dunklen Haare waren schon ab, als wir im Schlamm von Hildesheim standen, und genauso scheinen auch die schwarzen Lederklamotten vor etlichen Jahren aus dem Kleiderschrank verbannt worden zu sein.
Mit einem Andrew Eldritch aus Musikvideos wie "More" darf man also nicht rechnen, wenn man heutzutage ein Konzert der Sisters aufsucht. Das lässt aber auch die komplette Performance dröge erscheinen, denn wenn ein Frontmann nur am Mikroständer verharrt, kann die fehlende Bühnen-Action nur durch Charisma kompensiert werden und eben jenes Charisma versprüht Herr Eldritch nicht mehr. Auch nicht mit Sonnenbrille. Stattdessen stiehlt ihm vor allem Ben Christo, einer seiner beiden Gitarristen, ohne Mühe die Show, denn dieser weiß, wie man zu Songs wie "Crash And Burn", "Dominion / Mother Russia", "Will I Dream", "Alice", "Anaconda", "Vision Thing" und "This Corrosion" abrockt.

Bedauerlich, dass diese Perlen des Gothic-Rock, diese zeitlosen Klassiker, vom Sänger teils so leidenschaftslos dargeboten werden. Dementsprechend langatmig fallen auch Balladen wie "Something Fast", "Flood II" und "Rain From Heaven" aus, obwohl sich bei Nummern wie "A Rock And A Hard Place" deutlich zeigt, dass Eldritch stimmlich noch voll in seiner Blüte steht. Auch wenn der Sound teils mangelhaft war. Anders kann ich mir nicht erklären, warum ich mir sehr vertraute Lieder wie "Detonation Boulevard" erst am Refrain erkannte.
Was den Nebel betrifft, so hielt sich das Ganze zumindest heute im Rahmen, so dass man auch etwas von der gelungenen, sehr bunten Lichtshow mitbekam. Die wirkliche Action ging aber vom Publikum aus, das zu Songs wie "Lucretia My Reflection" fleißig im Takt mitklatschte oder wie bei "More" gar zusätzlich jubelte und später nicht locker ließ und die Band zweimal für mehrere Zugaben zurück auf die Bühne zitierte. Für Schmunzeln sorgte dabei ein vermutlich angetrunkener Fan, der so lange "First And Last And Always" brüllte, bis Eldritch eben jenen Song spielte. Bei soviel Support konnte sich der cool nickende Frontmann nach der letzten Zugabe "Temple Of Love" eines "Thank you for coming!" dann auch nicht mehr verwehren...
Zu gern hätten wir gesagt "You're welcome!", aber dafür sind die Gefühle, mit denen wir hinterher zurückbleiben, einfach zu gemischt. Vom musikalischen Aspekt her gelten The Sisters Of Mercy vollkommen zu Recht als Legenden. Ob noch "das böse G-Wort" davor steht oder nicht ist dabei ein Luxusproblemchen, das andere Musiker wohl nur allzu gerne hätten.
Nach über zwei Dekaden ohne Album-Release und stolzen Ticketpreisen von knapp 40 € für Shows, bei denen es mitunter außer Nebelmaschinenaction nichts zu sehen gibt, sollte sich Andrew Eldritch über die scheinbar grenzenlose Loyalität seiner Fanbase mehr als glücklich schätzen, denn einen Blumentopf geschweige denn neue Fans gewinnt er auf diese Art und Weise nicht mehr hinzu. Dazu habe ich meine eigene Geschichte vom damaligen M'era Luna-Auftritt auch schon zu oft aus anderen Mündern gehört. M'era Luna-Auftritte aus anderen Jahren betreffend. Warum tritt man überhaupt mehr oder weniger regelmäßig auf einem der Gothic-Festivals schlechthin auf, wenn einem diese Szene doch angeblich so zuwider ist?!?
Die Antwort dürfte auf der Hand liegen: Weil man noch heute vom damaligen Ruhm zehrt, der sich nun mal hauptsächlich in eben jener Szene abgespielt hat. Dass sich da irgendeine Plattenfirma angesichts ohnehin leerer Kassen auf einen Plattendeal in Millionenhöhe einlässt, ist umso unwahrscheinlicher, denn Nostalgie hin oder her: Das Leben ist weiter gegangen...

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