Bericht: Livingston und Apocalyptica
Wenn Apocalyptica in Hamburg aufspielen, ist dies ein Garant für eine ausverkaufte Show und das normalerweise schon lange im Voraus. So war es auch dieses Mal. Für Verwirrung sorgte dabei allerdings die Wahl der Location. Auf der einen Internetpräsenz hieß es "Sporthalle", auf der anderen "Große Freiheit 36". Dass nun die Finnen bislang immer die Freiheit rockten, ist die eine Sache - dennoch sollte man sich vor dem Losfahren sicher sein, welches Ziel man ansteuern würde. Große Freiheit war angesagt!
Ob sich dessen nun alle so sicher waren, lassen wir dahin gestellt. Noch zum Ende des Sets von Livingston staute es sich am Einlass. Dies kann einerseits auf den verlegten Ort (die Sporthalle war geplant, aber es wurde umgezogen) zurück zu führen sein, andererseits aber auch darauf, dass Konzerte in der Großen Freiheit eben einfach bereits um 18.30 Uhr die Türen öffnen und normalerweise 22.00 Uhr Ende ist.
So betraten um 19.30 Uhr die in London beheimateten Livingston mit einem einen ganzen Song andauernden grausamen Stoboskopgeblende die Bühne vor der geschätzt zur Hälfte gefüllten Halle. Wenn auch von der Insel kommend, ist das Line Up nicht nur international, sondern sogar interkontinental - englisch, südafrikanisch und deutsch - zusammen gesetzt.Musikalisch ging es rockig, aber geruhsam zur Sache. Die Ruhe vor dem Sturm sozusagen, die aber das wachsende Publikum in eine gewisse Vorfreude versetzte.
Eine passende Vorband für Apocalyptica zu finden, gestaltet sich prinzipiell schwierig und die Engländer machten keinen schlechten Job.
Als Einleitung zum Abschluss bedankten sie sich für das Publikum, welches eine Menge des hart verdienten Geldes dafür ausgeben würde, dass sie sich ihren Traum erfüllen, durch die Länder reisen und jeden Abend auf einer Bühne stehen könnten - zu tun "what we love to do!". Dafür gebühre dem Publikum Respekt.
Allabendlich nehmen Livingston ihre Konzerte auf, suchen sich danach ihren Lieblingssong heraus und stellen diesen am Folgetag auf ihrer Homepage zum kostenlosen Download zur Verfügung. Wer also eine Erinnerung sucht - auf geht's!
Setlist
Smile | 6x4 | Whatever | Disease - "Drum Solo" | Broken | Man Overboard
Smile | 6x4 | Whatever | Disease - "Drum Solo" | Broken | Man Overboard
Eine halbe Stunde Zeit wurde dem Umbau gewidmet - was nicht nur dem Publikum wie eine Ewigkeit vorzukommen schien, denn bereits um 20.20 Uhr warteten die Jungs von Apocalyptica hinter der Tür des Bühneneingangs auf ihren Auftritt.Licht aus und los geht's, hieß es um 20.30 Uhr. Vorübergehend blieb die Beleuchtung auch aus, während Perttu Kivilaakso und Paavo Lötjönen einen Song stillstehend auf den seitlichen Aufbauten im hinteren Bühnenbereich verbrachten, und Eicca Toppinen sich im Zentrum postierte. Unereignisreich krochen die ersten vier Songs dahin und zu einem Erwachen auf und vor der Bühne, sowie wohl auch des Lichtmenschens kam es erst beim Metallica Cover und Apocalyptica Klassiker "Master Of Puppets".
Auffällig war im Vergleich zu den Konzerten der letzten etwa 15 Jahre, dass auf die Stühle als Hauptbestandteil der Bühnendekoration komplett verzichtet wurde. Außerdem neu in der Show der ursprünglichen akustischen Band mit gelegentlichen Gastauftritten der auch auf den Alben vertretenen Gastsänger/innen war, dass sie sich nun einen Sänger für die Live Show dazu geholt haben. Tipe Johnson gab hierbei die gesanglich untermalten eigenen Stücke der letzen beiden Alben zum Besten und fügte sich damit hervorragend in die Band ein. Auf vier Songs beschränkt nahm er keinen zu großen Teil der Bühnenpräsenz in Anspruch. Ältere Gesangsstücke werden weiterhin instrumental bleiben.
Eicca übernahm die Backing Vocals und bei "Seek N Destroy" grunzte er auch die Titelzeile ins Mikro. Als Apocalyptica Fan verzeiht man "seinen Jungs" fast alles und sieht dies mehr als Spaß denn als bitteren Ernst an, zumal die gesamte Band dazu steht, nicht singen zu können. Und so war auch keiner böse, dass Eicca es tatsächlich nicht kann - sondern eher seine Freude an der Musik zum Besten gab. Hauptsache er trifft die Töne auf den Saiten!
Von "Master Of Puppets" bis "Refuse / Resist" ging auf der Bühne die Post ab, ein Spaß der nicht enden sollte. Dennoch ist für die 3 Cellisten sowie Mikko Siren hinter den Drums harte Arbeit angesagt gewesen und so wurden Stühle mit schwarzen Bettlaken bedeckt auf die Bühne geschafft und eine kleine Verschnaufpause eingeleitet.
Eicca hatte einen Traum - einen feuchten Traum - auf dem Weg nach Hamburg, so erzählte er. Nämlich dass "the sexy and beautiful" Mikko Cello spielen würde. Und ehe man sich versah, stand Mikko (ja stand, während die anderen saßen) mittig der Bühne und zupfte zu "Beautiful" auf dem Cello mit. Für die Albumversion hatte er noch den Kontrabass gewählt. Zu "Sacra" wechselte Mikko zu einer umgehängten Bassdrum und konnte sich zu "Bittersweet", welches vom ersten Ton lautes Gegröle im Publikum erzeugte, wieder hinter seinem eigentlichen Instrument präsentieren.
Bevor es nun zu ruhig wurde und Langeweile aufkam, ging es mit einer deutschen Ansprache Perttus, die ihm viele Lacher und Sympathien im Publikum einbrachte und "Last Hope", Cello Thrash Metal vom Feinsten weiter - mit Tipe in einem weißen Anzug. Perttu warf kurzzeitig sein Cello beiseite und versuchte Eicca von der Bühne zu schieben. Dies blieb erfolglos, also schnappte er sich sein Instrument und schlug im musikalischen Aspekt drauf ein. Die Verschnaufpause war vorbei und es knallte noch einmal vier Songs richtig - bevor es auch schon viel zu schnell zu Ende war.
Zu Beginn der Show trug Perttu noch einen blau-schwarz gemusterten samtenen Frack und sah mit dem bald weißen Make Up und übermäßig verteiltem blauem Lidschatten aus wie "Graf Perttula". Wie eh und je strahlte er eine Freude auf der Bühne aus und schreckte auch vor vielen Albernheiten nicht zurück. Zu "I'm Not Jesus" erfand er seinen eigenen Tanz und während Eicca die eine oder andere ernsthafte Ansprache hielt, kasperte Perttu im Hintergrund herum und bezog auch Paavo in seine Späße mit ein. Von dem schicken Frack verabschiedete er sich leider viel zu schnell.
Insgesamt kann von "unereignisreich" bei einem Apocalyptica Konzert kaum die Rede sein. Alle drei Cellisten waren überaus flirtiv, zu Späßen aufgelegt und nutzen die volle Größe der Bühne für ihren Bewegungsdrang - und das alles bei beeindruckender Handhabung ihrer Instrumente. Während Eicca auch schon die Abschlussansprache hält, kasperte Perttu unbeeindruckt auf seinem Cello herum und macht den Anschein eines Kindes, dass seinen Papa nicht für voll nimmt. Die Frage blieb offen, ob Eicca den Blick, mit dem er "Inquisition Symphony" ankündigte, zu Hause vor dem Spiegel geübt hatte?
Ohne "Hall Of The Mountain King" kann ein Apocalyptica Konzert aber nicht zu Ende gehen und so wurde lautstark Zugabe gefordert und gewährt. Die drei Cellisten hatten sich für ihren erneuten Auftritt Cellobeleuchtung mitgebracht, aber ein Glück blieb das Bühnenlicht nicht wieder aus. Apocalyptica ist Show und die will gesehen werden, dazu braucht man Licht!
Zur Zugabe wurde die Singerei im Publikum weniger, und dass obwohl Eicca zuvor noch davon sprach, dass er nach einer berauschenden Show vor tollem Publikum am Vortag in Polen Tipe vor dem Wahnsinnspublikum in Hamburg "gewarnt" hätte. Dieses wäre immer das Beste und total textsicher. Dennoch stellte Eicca schlussendlich fest, dass "so many smiling people in one room is the best part of the job" sei und freute sich damit, dass eine so glückliche Stimmung im Publikum herrschte. Zum traditionellen Abschluss mit "Hall Of The Mountain King", dem apocalyptischen Evergreen, forderte Eicca noch einmal auf, doch mitzusingen, auch wenn der Song gar keine Lyrics hätte. Das würde schon gehen. Und dass der Song auf drei Saiten spielbar ist, bewies Perttu kurzerhand, nachdem ihm eine gerissen war und er sie offensichtlich nicht mehr wechseln wollte.
Erschreckend schnell waren die 22.00 Uhr überschritten und das Spektakel vorbei.
Fazit:
Anfangs war es gewohnt unereignisreich, im Laufe des Konzerts wurde die Stimmung immer ausgelassener und zum Schluss hin ließen Paavo und Perttu die Kinder in sich heraus.
Die drei ruhigen Songs in Folge im Mittelteil begründen sich sicher mit einer notwendigen kleinen Pause zum Herunterkommen für Band und Zuschauer, aber auch wenn sie von Thrash Stücken umrahmt sind, wurde die Zeit doch etwas lang - vor allem für die wenigen, die Bittersweet tatsächlich nicht mögen.
Gesamt betrachtet waren Apocalyptica großartig. Auf eins kann man sich bei den Auftritten dieser Band verlassen: sie ziehen einem die Socken aus. Auch wenn ich persönlich nicht mehr so sehr von ihnen geflasht bin wie noch zu Zeiten von "Reflections" oder "Apocalyptica", gebührt ihnen eine riesige Portion Respekt für eine Hammer-Live-Show und die musiktechnische Weiterentwicklung, die sie auf ihrem langen Karriereweg beschritten haben. Die Celli sind mittlerweile so verzerrt, dass manch ein Gitarrist aufgrund der verschiedenen Pedale neidisch werden könnte.
Die eigenen Stücke nunmehr mit Sänger zu präsentieren, mag in der eingeschworenen Fangemeinde umstritten sein, meiner Meinung nach passt Tipe gut in das Konzept und bringt die Stücke super herüber. Ein komplettes Apocalyptica Konzert mit Gesang möchte ich aber bitte nie erleben!
Auf ein baldiges Wiedersehen in Hamburg!
Setlist
On The Rooftop With Quasimodo | 2010 | Grace | Master Of Puppets | End Of Me | I'm Not Jesus | Refuse / Resist | Beautiful | Sacra | Bittersweet | Last Hope | Bring Them To Light | Seek N Destroy | Inquisition Symphony
At The Gates Of Manala | I Don't Care | Hall Of The Mountain King
On The Rooftop With Quasimodo | 2010 | Grace | Master Of Puppets | End Of Me | I'm Not Jesus | Refuse / Resist | Beautiful | Sacra | Bittersweet | Last Hope | Bring Them To Light | Seek N Destroy | Inquisition Symphony
At The Gates Of Manala | I Don't Care | Hall Of The Mountain King
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