Bericht: Livingston und Apocalyptica
Es ist schon eine ganze Zeit her, dass sich die vier Finnen von Apocalyptica in der Berliner Columbia Halle -genau genommen ist das nun die C-Halle - einfanden. Dies stellte das zum Teil weit angereiste Publikum auch schon vor die erste Frage: Wo stehe ich denn nun richtig? Keine 200 Meter weiter befindet sich bekanntlich der Fritz-Club, welcher an diesem Abend auch Programm bot.
Leider konnte man von außen nicht sehen, was dort los war und zum Schrecken einiger fehlte zudem die berühmte Tafel an der C-Halle, die den abendlichen Act ankündigt. Gezwungenermaßen kommunikativ wurde es somit vor den Hallen, um zu erfragen wo was denn nun stattfand, bis wir pünktlich um 19:00 Uhr hinein gebeten wurden.
Trotz der langen Zeit seit dem letzten Konzert im Jahre 2007 war dieser Abend wohl nicht ausverkauft, dennoch war Platz ziemlich rar. Flugs wie meistens füllte sich die Location und nachdem sich alle gesammelt hatten, betrat auch schon die erste Band die Bühne. Als Support für Apocalyptica fanden sich diesmal die Jungs von Livingston.
Wenn man die erste Minute nicht durch das übermäßige Strobolicht erblindete, konnte man einen ersten Blick auf die Fünf erhaschen, für die einige Fans extra angereist waren. Die international zusammengewürfelte Band, deren Idee sich in Südafrika das erste Mal fand, später in London begründetet wurde und mittlerweile in Berlin beheimatet ist, spielt gut ins Ohr gehende Rock Musik und wurde von dem sonst gerne mürrischen Berliner Publikum positiv angenommen. Spätestens nach dem Drum Part ohne Drummer, sondern durch gemeinschaftliches Werken der beiden Gitarristen Jakob Nebel und Chris van Niekerk und Sänger Beukes Willemse auf zwei extra Trommeln war auch jeder wach. Kurz darauf durfte auch Schlagzeuger Paolo Serafini wieder mitspielen und es wurde tüchtig weiter gerockt. Eine kurze Pause gab es nur für eine herzzerreißende Ballade, welche Willemse seiner Frau widmete, die an diesem Tag Geburtstag hatte und diesen nun mehr trist Backstage beging, anstelle ihn zu feiern - und das nicht zum ersten Mal. Danach wurde es wieder flotter und nach dem diskreten Hinweis auf den Merchandise Stand und einer Danksagung an das Publikum war es auch fast vorbei. Der Bandname, habe ich mich im Übrigen belehren lassen, kommt nicht etwa von irgendeinem Dorf, sondern bezieht sich auf das Buch von Richard Bach "Jonathan Livingston Seagull" (dt. "Die Möwe Jonathan").
Kaum waren die Herren von der Bühne verschwunden, wurde es in der Halle kuscheliger, weil die Leute sich deutlich näher an die Bühne drängten. So ziemlich genau dreißig Minuten dauerte der Umbau und nun wurde wahr, was anfangs schon geahnt wurde. Die Stühle, welche eher Kunstwerke mit Sitzgelegenheiten darstellten, sind aus dem aktuellen Bühnenbild verschwunden. Das überdimensionale Bühnenbanner, dieses Mal mit fast schon dezentem Cello Abbild, gab es aber wieder. Diejenigen, die eine gute Sicht hatten, staunten auch nicht schlecht über die breite Palette an Pedalen, die ihren Weg auf die Bühnen fanden.
Mit dem Ausgehen der Beleuchtung gab es bereits die ersten Töne von ‚On The Rooftop With Quasimodo'. Während sich Perttu Kivilaakso und Paavo Lötjönen es sich auf den Bühnenaufbauten gemütlich machten, stand Eicca Toppinen im Zentrum des Schattenspiels. Trotz des anfänglichen Jubels schlich der Song doch eher gemächlich dahin und erst zu Grace wurde die Menge wach - könnte auch daran gelegen haben, dass erst da wieder das Licht auf der Bühne anging. Mit dem Metallica Klassiker ‚Master Of Puppets' brachen alle Dämme. Diesen gab es ohne Live Gesang, da den Song irgendwie jeder mitsingen kann - ziemlich lautstark sogar. Für ‚End Of Me' und ‚I'm Not Jesus' kam die aktuelle Live Unterstützung in Person von Tour Sänger Tipe Johnson auf die Bühne. Was die Idee eines Livesängers angeht, gingen die Meinungen im Publikum stark auseinander, allerdings war er sicherlich gerade für die neueren Stücke für den einen oder anderen eine gute Textstütze. Da Tipe über eine ganz eigene Stimmlage verfügt, klingen die Songs live etwas rauer und er versucht nicht einmal die Albumsänger nachzuahmen. Um noch einen drauf zu setzen, gaben Apocalyptica und Tipe an diesem Abend das allererste Mal auf deutschem Boden ‚Broken Pieces' zum Besten. Ja, der Song der eigentlich von Lacey Mosley (Flyleaf) gesungen wird - und ja es klang durchaus etwas schräg. Eicca Toppinen übernahm im Verlauf des Konzertes hin und wieder die Backing Vocals und auch wenn diese nicht einwandfrei waren, der Spaß dahinter war es auf jeden Fall. Er begrüßte nun auch das Berliner Publikum und freute sich über die Konzerte in ihrer zweiten Heimat.
Mittlerweile war auch Perttu bei seinem endgültigen Bühnenoutfit angekommen. Der wunderschöne schwarz-blaue Brokat Mantel durfte nur drei Songs auf der Bühne verweilen, das Hemd drunter noch weniger. Die anderen Beiden zogen sich zwar nicht aus, allerdings ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit bis sich Eiccas Schuh in Wohlgefallen auflösen wird. Im Übrigen sind weiße Docs durchaus tragbar, wie Paavo bewies - und das meine ist ernst.
Wieder zurück zur Musik:
Einen ruhigen Punkt setzten die Finnen danach mit der Komposition aus ‚Beautiful' / ‚Sacra' / ‚Bittersweet', die alle drei hintereinander und akustisch gespielt wurden.
Dazu wurde auch Mikko Sirén hinter den Drums hervorgelockt und bekam erst einmal ein Cello in die Hand gedrückt um sehr gewissenhaft die Melodie zum wunderschönen ‚Beautiful' zu zupfen. Die drei Herren, die mittlerweile auf kleinen, in schwarzen Stoff gehüllten Stühlen Platz genommen hatten, welche in Andacht der alten Stühle auch noch für das eine oder andere Grinsen in den Gesichtern von der Bühne aus sorgten, taten es ihm gleich und so wurde es schnell still und verträumt.
Zu ‚Sacra' wechselte Mikko wieder in heimatliche Gefilde und spielte zart auf einer umgehängten Bassdrum. Erst zu ‚Bittersweet' hörte man das Publikum beinahe andächtig mitsingen. Wer genau hinschaute, konnte nun auch erkennen, dass sich das Banner hinter der Band währenddessen zum aktuellem Coverbild von ‚7th Symphony' gewandelt hatte.
Damit danach alle Zeit zum Verschnaufen und Taschentuch wegpacken hatten, schnappte sich Perttu das Mikrofon und versuchte sich in Sachen Deutschkünste. Als er sich sehr sympathisch verzettelte, stellte er etwas eigenwillig die Band kurzer Hand wieder auf Englisch vor. Was auch nur so weit gut klappte, bis er Drummer Mikko ankündigen wollte, der allerdings nicht hinter seinen Drums saß, wo er laut Perttu wohl sein sollte. Mit einigen Sekunden Verspätung und viel Gelächter kam er aber hinter ihnen hervor. Im typischen Perttu-Fluch-Modus wurde übergeleitet zu ‚Last Hope' und es ging rockend weiter.
Paavo hingegen gelang an diesem Abend irgendwie alles: hüpfen und spielen, rennen und spielen, mit der einen oder anderen Dame flirten und spielen - es grenzt schon irgendwie an ein Wunder, dass er nicht einen seiner Mitspieler von der Bühne riss.
Dabei setzte die beinahe obligatorisch große und großartige Lightshow auch dieses Mal jeden der Vier gut in Szene.
Die drei Cellisten schienen auch ohne Licht bester Laune zu sein und so wurde von Beginn an viel gelacht und es flog auch schon mal ein Bogen in Richtung eines anderen. Versteckspielen und Tanzeinlangen inklusive. Auch dem Publikum wurde entgegen gekommen und so verlangte Eicca nach ‚Bring Them To Light' erst einmal Licht um zu sehen. Was prompt kam war: kein Licht… Eine freundliche finnische Ansage später konnte Herr Toppinen dann in die versammelte Menge sehen und freute sich über die vielen stahlenden, bekannten Gesichter und bedankte sich im Namen der Band für ‚The Strong Fanbase'.
Zu ‚Seek And Destroy' fühlte sich auch Paavo dazu berufen ans Mikrofon zu springen, allerdings war das für Eicca Aufgebaute irgendwie etwas zu hoch eingestellt, aber das konnte mit ausreichend viel Charme überspielt werden.
Plötzlich verabschiedete sich die Band und während Eicca eigentlich fragen wollte, ob sie noch einen Song spielen sollten, grölte es aus dem Publikum schon nach einer Zugabe. Zunächst gab es aber erst einmal ‚Inquisition Symphony' wo wieder die Masse kein Halten kannte.
Die Pause danach fiel verhältnismäßig kurz aus, da die Berliner Menge ihren Standpunkt eigentlich schon klar gemacht hatte. Nach ‚At The Gates Of Manala' wandte sich noch einmal Eicca an die Leute und besonders an die, die noch kein Exemplar des neuen Albums hätten, schließlich wüssten diese nun, was sie morgen zu tun hätten. Vielleicht schon am Abend, online.
Danach ging alles recht schnell, manch einem sogar zu schnell. Perttu verweigerte zum Abschluss bockig den Einsatz und musste zunächst erst von Paavo bezirzt werden, doch noch seinem Cello einen Ton zu entlocken. Schließlich ging es mit der apocalyptischen Version von Edvard Griegs ‚Hall Of The Mountain King' und dem bizarren Gesangsversuch dazu von Seiten des Publikums der Abend zu Ende.
Keine Stühle, Gesang von Tipe Johnson und auch Eicca, dafür kein ‚Nothing Else Matters' und auch das eine oder andere Eckchen hier und da. Der Abend hatte schon für jeden etwas Neues oder Anderes zu bieten. Die Leistung der Band war allerdings für jeden unbestritten und der Spaß auch, den merklich alle an dem Abend hatten.
Veränderung ist nicht aufzuhalten, aber solange alle mit einem Lächeln nach Hause gehen und sicherlich auch manch einer mit Nackenschmerzen, ist eigentlich alles in Ordnung.
On The Rooftop With Quasimodo | 2010 | Grace | Master Of Puppets | End Of Me | I'm Not Jesus | Broken Pieces | Refuse / Resist | Beautiful | Sacra | Bittersweet | Last Hope | Bring Them To Light | Seek And Destroy | Inquisition Symphony | At The Gates Of Manala | In Don't Care | Hall Of The Mountain King
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