Szenetolleranz


In einer Freundschaft bin ich durchaus kompromissbereit und ging somit kürzlich zwei Mal zu so genannten RNB / House – Veranstaltungen.
Den Unterschied zwischen House, Elektro und Techno habe ich im Übrigen noch immer nicht verstanden, aber das ist ein komplett anderes Thema und wenn es um die verschiedenen Metalklassifizierungen geht, gucke ich auch oft doof aus der Wäsche.

Jedenfalls machte ich einige interessante Erfahrungen, mal von den Preisen für Eintritt und Getränke abgesehen. Und ich darf anmerken, dass der Bedarf an alkoholischen Getränken zur Ertragbarkeit des Abends durchaus hoch angesiedelt war!
Oberflächlich betrachtet – und dabei trifft „oberflächlich“ es ganz gut denn um Tiefgründigkeit schien es nicht zu gehen, oder sie ging an meinem beduselten Hirn vorbei – war das Ganze schon sehr 'schick und stylisch' aufgezogen, sowohl die Clubs wie auch die Leute, die aber vor dem überteuerten Einlass auch auf das Genaueste vom Türsteher abgecheckt wurden, ob denn die Klamotte auch wirklich passend war.
Teils aufgedonnert bis zum geht nicht mehr wurden Kleidungsstücke von Marken vorgeführt, deren Namen mir nichts sagten – und die die Sache an sich auch nicht hübscher machten. Frau wurde beäugt, kam aber möglicherweise gerade durch ihre Andersartigkeit schnell ins Gespräch. Auch ein kleines Schwarzes und High Heels können mein wahres Ich eben nicht verstecken. Dabei hatte ich meinen „Rockstarchick“ dieses Mal tatsächlich nicht dabei, nicht einmal ansatzweise.
Frau konnte sich also innerhalb von kurzer Zeit mit vielen Menschen unterhalten, wobei man sich genauso schnell vergessen, wie kennen gelernt hatte. Quatschte man soeben noch mit der Einen über Belanglosigkeiten, ist nun schon der Nächste dran und kurz umgedreht ging das gleiche Spiel mit der dritten Person los. Kein Hallo, kein Tschüss, keine Namen und sowieso kein wirkliches Interesse.
Mit zunehmendem Verlauf des Abends entwickelte sich der Fußboden zu einem Trümmerfeld. Die ohnehin raren Sitzplätze waren entweder besetzt oder überschwemmt, ebenso der Boden – auf dem nicht nur Gläser ausgekippt, sondern gleich komplett zerbrochen wurden, nicht nur mal eins hier und da, sondern tatsächlich überall. Meine Schuhsohlen bestanden nach dem Abend aus einer Schicht Glassplittern!

Und da wird der Metalszene nachgesagt, sie wären Chaoten, die sich absolut nicht benehmen könnten. Über großflächige Scherbenfelder bin ich tatsächlich noch nie gestolpert. Und eine Tatsache ist auch, dass die meisten Metaller, sollten ihnen ihr heiliges teueres 2,50 Euro Bier umkippen, sich einen Lappen besorgen und im schlimmsten Fall auch die Scherben auffegen. Schließlich wollen wir unsere Bars ordentlich halten.
Oder sind die Metaller nur nicht so versnobt und sehen es als selbstverständlich, dass andere hinter ihnen herputzen? Sie zahlen weniger Eintritt, geben weniger für ein einzelnes Getränk aus – trinken dafür aber wesentlich mehr davon, und ballern nicht mit Trinkgeld um sich, als gäbe es kein Morgen mehr. Dafür lieber für noch ein Bier.
„Schick“ lässt sich in einschlägigen Bars oder Diskos (wenn es diese denn überhaupt gibt) der Metal Szene eher in einer ganz anderen Richtung feststellen: es ist zwar auch dunkel und durchgestylt bis zur Vollendung, aber dies geht in die ganz andere Richtung und sieht für den außenstehenden Betrachter wohl eher verwanzt aus. Ok, ist es gelegentlich auch.

Erschreckenderweise (?) musste ich gerade aber auch auf einer Rock’n’Roll Partyankündigung lesen, dass man sich so anziehen soll, dass das tatsächliche Leben des R’n’R-Lifestyles erkennbar ist – oder man käme nicht herein. Schon irgendwie komisch, sind Rocker doch eigentlich so „offen“, was sie aber tatsächlich gar nicht sind. Eben nur Szeneintern, da ist es gleich, ob man Metaller, Rocker oder Goth ist – es sei denn, man ist Old-School-Ruhrpott-Metaller, in seiner Sodomkutte im Jahr 1980 stehen geblieben und ganz „true“. Hauptsache man grenzt sich vom Ottonormalretortenmusikhörer ab.
Mal ganz ehrlich, die Szene ist „böse“, da verirrt sich doch kein Normalo freiwillig rein? ;)
„Markenware“ ist tatsächlich auch sehr beliebt, allerdings in der Form, dass teils unleserliche Bandlogos auf meist schwarzen Shirts ausgeführt werden.
Auch diese Szene hat folglich ihren Stylecode.

Meine Freundin sagte neulich, ich wäre viel mehr Tussi als sie, schließlich würde ich viel, viel mehr auf meine Bekleidung achten als sie und wesentlich mehr Schmuck tragen. Das mit dem Schmuck stimmt, den Rest mag ich anzweifeln, denn tatsächlich kombiniert sich schwarz mit schwarz relativ einfach. Andererseits muss ich zugeben, dass ich viel an meinen Klamotten herumschneidere, also vielleicht ja doch – aber in dem Fall sollte man sich auf eine einheitliche Definition des Wortes „Tussi“ einigen!
Und im Zweifelsfall habe ich tatsächlich RNB-Club taugliche Klamotten im Schrank – kurze schwarze T-Shirt-Kleider gehen schließlich immer, wobei sie auf einer Dresscoderockparty mit Sicherheit draußen bleiben müssten. Und ja, High Heels sind durchaus Rockchickkompatibel! ;).

Metaller mögen ihre Cliquen, andere werden erst kritisch beäugt und missachtet. Aber wenn erstmal ein Gespräch zustande gekommen ist, wird es tiefsinnig und ist kein belangloser Smalltalk um die nächsten fünf Minuten zu füllen, sondern man wird sich mit Sicherheit schon bald wieder sehen.

Was ist nun besser? So einfach beantworten lässt sich das nicht.
Ist Metal die musikalische Arbeiterklasse, während RNB die oberen Zehntausend sind – oder sich jedenfalls für solche halten?
Ist tatsächlich eins besser als das andere, oder sind es einfach nur Co-Existenzen?




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